Der Fluch des Ham – seine Bedeutung für Israel und uns heute
1. Ein schwieriger Text mit gefährlicher Wirkungsgeschichte

Genesis 9,18–29 gehört zu den biblischen Texten, die kurz erzählt sind, aber eine lange und teilweise verhängnisvolle Wirkungsgeschichte haben. Bekannt wurde die Erzählung unter dem Titel „Der Fluch Hams“. Schon diese Überschrift ist problematisch, denn der biblische Text sagt etwas anderes: Nicht Ham wird verflucht, sondern Kanaan, der Sohn Hams.
In der Lutherübersetzung 2017 heißt es:
„Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte!“
Genesis 9,25
Die BasisBibel formuliert entsprechend:
„Verflucht sei Kanaan!
Er soll der niedrigste Knecht seiner Brüder sein.“
Der hebräische Text der BHS ist eindeutig:
אָרוּר כְּנָעַן
ʾārûr kənaʿan
„Verflucht sei Kanaan.“
Das ist keine Nebensächlichkeit. Denn gerade an dieser Stelle beginnt eine problematische Auslegungsgeschichte: Aus dem Fluch über Kanaan wurde in späterer Tradition ein angeblicher Fluch über Ham, dann über alle sogenannten „Hamiten“, später über afrikanische Völker und schließlich über schwarze Menschen insgesamt. Dieser Deutungsweg wurde in der Geschichte zur Rechtfertigung von Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus und Apartheid missbraucht.[1] Goldenbergs Arbeit zur Wirkungsgeschichte zeigt, wie sich die Verbindung von Genesis 9 mit schwarzer Hautfarbe und Sklaverei erst traditionsgeschichtlich herausbildete und nicht aus dem biblischen Text selbst stammt. Haynes beschreibt für den amerikanischen Kontext, wie Noahs Fluch als vermeintliche biblische Begründung der Sklaverei verwendet wurde.






















